Salongäster Eva Kiltz und Till Kreutzer

Die Urheberrechtsdebatte im digitalen Raum: zwischen verschärften Kontrollen und dem Ruf nach mehr Lockerung

Der zweite a2n Salon zielte auf ein Kernthema der Branche, an dem sich die Lager spalten: Wie könnte ein Urheberrecht der Zukunft aussehen? Die einen setzen auf schärfere Maßnahmen zum Schutz der Urheber, die anderen fordern Lockerung und Anpassung. Dass diese Polarisierung nicht zwingend und eine konstruktive Debatte möglich ist, bewiesen die beiden Salongäste Eva Kiltz vom VUT und Till Kreutzer von iRights.info. Im Gespräch mit Andrea Goetzke (a2n-Vorstand) gelingt ein anregender Austausch darüber, welche Richtungen ein zeitgemäßer Urheberrechtsdiskurs künftig einschlagen müsste.

Ein erster Konsens zeichnet sich gleich zu Beginn des Abends ab: nicht nur der veränderte technische Rahmen führe, so waren sich Diskutanten und Einzelstimmen des Salons einig, zu den Spannungen in der Praxis des Urheberrechts, sondern die veränderten Wahrnehmung von Öffentlichkeit und Privatheit. Wenn auch zu früherem Kulturhandeln – Musik, Bilder, Ideen und Gedanken austauschen, neu zusammenstellen, mit Freunden teilen und konsumieren – im Grunde kein Unterschied besteht, so heißen die Hauptkanäle über die diese Prozesse ablaufen heute Facebook und Google. Während die „neue“ Generation diese Sphäre als Privat erlebt, empfinden die Älteren sie als öffentlich und die Online-Konzerne machen Profit. Die Begrifflichkeiten haben sich verschoben und damit der Umgang mit Content: kann ein Urheberrecht, das vor 100 Jahren festgeschrieben wurde der neuen Auffassung gerecht werden? Müssen Folgegenerationen sich an einen herkömmlichen Begriff der Privatheit halten? Oder ist eine grundlegende Neukonzeptionierung des Urheberrechts der beste Weg?

Während die Verbandssprecherin unabhängiger Musikunternehmen Eva Kiltz den Schutz der Urheber mit Blick auf die grundlegende Vergütungsproblematik in den Fokus rückt, sieht der Wissenschaftler und Rechtsexperte Till Kreutzer dringenden Handlungsbedarf, was die Schutzwürdigkeit kreativer Prozesse im digitalen Raum anbelangt. Remixkultur und Mashup-Kunst seien gegenüber der Originalvorlage als gleichwertig anzuerkennen. Denn was ist schon original – kein Werk entstünde im geistigen Vakuum. Und dennoch: Eva Kiltz sieht gerade aus der Vermarktungsperspektive ihre Verbandsmitglieder im Recht, eine stärkere Verfolgung und Kontrolle von Urheberrechtsverletzungen im Musikbereich zu fordern. Ruhm und Ehre? Genialer Bastardpop, der Nena und Eminem veredelt? Der Urheber als Schöpfer einer ersten Idee bzw. Melodie zähle, den gelte es als solchen zu respektieren und letztlich zu entlohnen. Kreutzer sieht den Veränderungen künstlerischer Praxis gelassen entgegen und baut auf einen durch gute Geschäftsideen und neue Einnahmequellen sich selbst regulierenden Markt. Doch gerade ein unbekannter Einzelkünstler könne auf professionelle redaktionelle Aufarbeitung des ungefilterten Nebeneinanders im Netz nicht verzichten, so Kiltz. Die so viel beschworenen DIY- Crossmedia-Strategien ließen am Ende keine Zeit für den eigentlichen Job des Künstlers – das Musikmachen.

Generell waren sich die beiden Diskustanten einig, dass es in vielen Konfliktbereichen gar nicht um das Urheberrecht selbst geht, sondern in einem veränderten medialen Umfeld vor allem um seine angemessenen Handhabe in der Praxis. Als Beispiel hob die VUT-Sprecherin etwa die komplizierten Abrechnungsprozesse im Hundertstel-Cent-Bereich durch Online-Anbieter hervor, die dringend angepasst und vereinfacht werden müssten. Hier zeichnet sich gleichzeitig also eine konkrete Chance der künftigen Debatte ab, differenzierter nachzufragen und – in erster Linie technische – Lösungsansätze für die Problemlagen der Musik- und Kreativwirtschaft rund ums Urheberrecht zu finden.

Als einen weiteren Vorstoß in die richtige Richtung für den Umgang mit den urheberrechtlichen Konfliktfeldern bezeichnet Kiltz  den Strategie-Vorschlag der EU-Kommission (Intellectual Property Strategy) , der im Mai dieses Jahres in Brüssel vorgestellt wurde. Die internationale Harmonisierung des Urheberrechts und sein Umgang sei so wichtig, da kleine Unternehmen und noch unbekannte Urheber sich gerade im internationalen digitalen Kontext mit Unternehmen (wie Youtube oder Google) konfrontiert sehen, die es ihnen – selbst wenn sie kollektiv vorgehen – schwer machten, ihre Rechte durchzusetzen. Die Idee der Europäischen Kommission, unterstützende Rechtsmaßnahmen zu formulieren anstatt das Urheberrecht im Kern zu verändern, hält Eva Kiltz für den richtigen Weg.

Viele Gäste im zweiten a2n Salon

Till Kreutzer findet es dem gegenüber wichtig, sich von der gemeinhin gültigen Auffassung zu lösen, dass Kontrolle über die Werknutzung der wichtigste Bestandteil eines funktionierenden Urheberrechts sei. Mit dem Internet nehme die faktische Möglichkeit, Kontrolle auszuüben, rapide ab – die durch Exklusivrechte vermittelte Kontrollbefugnis bestünde häufig nur in der rechtlichen Theorie. Neben konkreten technischen Ideen bezogen auf Beteiligung, Abrechnung und Verteilung steht für ihn die Verständigung darüber im Fokus, welchen Wert wir geistigem Eigentum in unserer Gesellschaft künftig beimessen wollen und wie Content die verdiente Wertschätzung in den Köpfen der Menschen erfahren könnte. Realpolitisch setzt er sich dafür ein, dass kosmetische, aber bedeutende Änderungen im Urheberrecht vorgenommen werden. In seiner Studie Verbraucherschutz im Urheberrecht macht er einen konkreten Regelungsvorschlag , mit dem populäre Kulturpraktiken wie Mashups, Remixes und digitale Kollagen legalisiert werden könnten.

So verschieden Intuitionen und Sichtweisen der beiden Salongäste bezogen auf Werkverwertungs- und Persönlichkeitsrechte des Urhebers auch waren, Creative-Commons-Lizenzen wurden einmal mehr als geeignete Leitidee in den Vordergrund gestellt, an der sich eine künftige Umgestaltung orientieren könnte. Deren Integration in die GEMA galt sowohl Eva Kiltz als auch Till Kreutzer als dringendes Erfordernis für einen selbstbestimmten Umgang des Künstlers mit seinem Werk.

Wenn auch abschließend nicht zu klären war: ist der Ge-Remixte nun der Dumme oder der Geehrte?  – Eva Kiltz sah’s pragmatisch und versprach: „Ich fragt Nena.“

Siehe auch …

http://www.musikmarkt.de/Aktuell/News/News/Kiltz-Kreutzer-im-a2n-Streitgespraech-zur-Zukunft-des-Urheberrechts